Norman im Glück

Norman ist ein gepflegter Mann. Er liebt Opern, die den Schmutz der Männer in Schönheit zerfließen lassen. Er liebt – aus der Entfernung – auch die Verkommenheit der Metropole, in der er lebt: den Staßendreck, die beschmierten S-Bahn Waggons, die kaputten Typen in den No-go-Parks.

An Norman ist alles frisch, so wie Wäsche, die an einer Leine im Garten trocknen durfte. Zweimal in der Woche sucht er ein Café auf, um die Zeit zwischen zwei beruflichen Veranstaltungen gut zu verbringen, denn das Gute im Alltäglichen bedeutet ihm viel. Obwohl es schon bald Mittag ist, bestellt er sich immer das Petit Déjeuner von der Karte, mit Croissant, Marmelade und Café au Lait, dazu ein Mineralwasser. Er mag diese französischen Ausdrücke, die sich für ihn mit einer leichteren, inspirierten Lebensart verbinden, mit Esprit eben. Das Mineralwasser ist in Normans Bistro allerdings ein Italienisches. Frizzante, sagt Norman gleich zweimal vor sich hin und genießt die geniale Lautmalerei.

Eigentlich liegt ihm nicht viel am Croissant, denn in Wirklichkeit kommt er hierher, um seine Gedanken zu sammeln und zu notieren. Am liebsten tut er das an einem Bistrotrisch im Freien, ganz für sich allein. Wenn alle Utensilien seines guten Lebens am richtigen Ort sind, macht Norman ein Foto davon, sozusagen als Startschuss für seinen Schreibprozess. Jetzt muss er ein bisschen lachen, weil er die Assoziation vom Startschuss zum Schreiberguss wieder einmal nicht unterdrücken konnte. Aber so will Norman nicht schreiben, er will sich nicht ergießen. Seine Texte wünscht er sich kühl und klar wie frisches Wasser.

Das Foto malt er sich quasi als Bühnenbild zu seinem Schreibakt aus. Er rückt drei Caféstühle mit geflochtenen Sitzflächen aus Plastik ins Bild und auch ein Stück vom gepflasterten, sonnigen Platz, auf dem sie stehen. Auf dem einen Stuhl hat Norman wie unabsichtlich seine dunkelbraune, schon weich getragene Ledertasche abgestellt, auch der schmale Umhängeriemen kommt schön drapiert zur Geltung. Norman achtet sorgfältig, dass er die schweinslederne Tasche nicht zu voll packt. Er verabscheut die vollgestopften Handtaschen der jüngeren Frauen, die ihm immer ein wenig speckig vorkommen. Außerdem möchte er die hübschen, metallischen Karabinerhaken schonen und das Leder soll in Form bleiben. Zentral im Bild fixiert er den Bistrotisch mit dem angebissenen Croissant, mit der halbleeren Flasche Pellegrino und seinem Trinkglas, an dem er eben noch seine Lippen hatte. Den gläsernen Aschenbecher hat Norman nicht auf dem unbesetzten Nachbartisch abgestellt, sondern ihn stattdessen als Untersetzer für den altmodischen Zuckerstreuer umgenutzt. So gewinnt er Platz zum Schreiben und unterstreicht gleichzeitig, dass er Nichtraucher ist – das ist ihm sehr wichtig. Er mag keine schmutzigen Angewohnheiten. Mitten in Normans Arrangement liegt sein Herzensding, für das alles andere nur die Kulisse abgibt: Ein in hellblau aquarelliertes Kunstpapier eingeschlagenes Buch mit einem schwarzen Lesezeichen. Es ist ein Notizbuch nach Art der Wiener Werkstätten mit der gut lesbaren Inschrift „PRÈT-À-ÈCRIRE“. Es wird von einem simplen Klemmblock, dessen oben liegende Seite sauber nach  Ober- und Unterpunkten beschriftet ist, gehalten.

So hat Norman die Objekte seiner Freiheit vor sich arrangiert. Jetzt muss er nur noch die unbenutzte weiße Serviette wie zufällig unter den Teller mit dem Croissant schieben. Schön, wie auf dem Foto das saubere Weiße mit der rostroten Tischplatte kontrastiert. Norman möchte seinen Mitmenschen anschaulich machen, dass es auch in unbedeutsamen Momenten ein gepflegte Leben gibt, man muss es nur wollen. Immer und überall gilt es, auf einer zusehens vermüllten Weltbühne den Feinsinn zu bewahren. Er schickt sein Foto in die virtuelle Welt und beginnt zu schreiben.

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